Interview von Nadia und Martin mit Ko:L, trespass.ch, Juli 2005

Bittersweet Desert-Pop – oder so...


Für’s Kompliment «schöne Frau» bedankt sich Nadia Leonti im Interview artig. Von der Aussage, Shilf seien eine junge schöne Frau und fünf alte Herren hält die Sängerin des Basler Sechsers aber dennoch nicht viel: «Wir spielen in dieser Formation, weil sie so entstanden ist. Shilf wollten ein wenig mehr in Richtung Country und Americana setzen, sie suchten sich eine Sängerin und ich hatte das Glück aus mehreren Kandidaten und Kandidatinnen ausgewählt zu werden.» In der Promo steht, Shilt hätten einst als langsamste Band der Schweiz gegolten, von Post-Rock im Trio spricht Drummer Martin Graf. «Wir hörten aber alle auch die ganzen Basic-Sachen, etwa von Lambchop oder Woody Guthrie. So entwickelte sich unser Sound nach und nach dahin, wo er heute steht.» Auf jeden Fall steht er gut, dort wo der Shilf-Sound heute steht. Am Greenfield nutzte das Sextett die Gelegenheit, eine halbe Stunde lang für etwas Ruhe im dreitätgigen Gitarrengewitter über dem Bödeli zu sorgen. Und wenn Nadia und Martin meinten, etwa mit Bright Eyes, Giant Sand oder Adam Green sei es am Samstag im Zelt generell etwas ruhiger, so mögen sei wohl Recht behalten. Aber ich beharre drauf: So besinnlich und in sich gekehrt wie Shilf präsentierte sich am Greenfield 05 niemand.

Ok – Martin stellt klar, dass Shilf auch schon leiser gespielt haben, als sie es heute tun. Aber angesprochen darauf, dass ihre Show eigentlich auf einer offenen Bühne, vor einem Sonnenuntergang in einer staubigen Wüste hätte stattfinden sollen, meint der Shilf-Drummer: «Eigentlich wars eine tolle Erfahrung hier, auch wenn die Abläufe an einem solchen Mega-Event ganz anders sind, als bei einem Club-Gig. Aber mir hats gefallen.» Er fühle sich auch nicht als Platzhalter, als Profoma-Act zum Hochhalten des CH-Fähnchens, sagt Martin. «Wir sind gebucht – wir spielen – that’s it!» Eine Einstellung, die sich durch den Talk hindurchzieht, wie ein roter Faden. Man merkt, dass die Mitglieder von Shilf in der komfortablen Lage sind, nicht unter einem Leistungsdruck zu stehen. «Wir müssen nicht von der Musik leben und es ist nicht unser primäres Ziel», bringts Martin auf den Punkt. Stattdessen soll Musik ganz einfach Spass machen. Wobei das eine oder andere Bandmitlied doch noch das eine oder andere Projekt am Laufen hat. Nadia etwa singt und basst noch bei Popmonster: «Für ich ist das ein absoluter Luxus, die diversen Möglichkeiten verschiedener Bands ausloten zu können. Popmonster haben einen ganz anderen Sound und ich spiele neben dem Singen noch Bass. So ist meine Rolle eine völlig andere, als bei Shilf, wo ich mich voll auf den Gesang konzentrieren kann.»

«Wir haben trotz diverser anderer Engagements und trotz Nicht-Vorhandensein eines Leistungsdrucks den Anspruch, uns weiterzuentwickeln und vorwärts zu kommen», sagt Martin. Aber auch hier gilt die Devise «Mau luege»: «Ich hoffe, dass wir im Herbst wieder ein paar Konzerte spielen und dabei auch einige neue Songs präsentieren können. Und irgendwann werden wir dann auch einen neue Platte machen – unsere vierte.» – «Irgendwann?» – «Ja. Man kann solche Sachen nur bedingt planen. Mit dem ganzen Songwriting und den Arrangements ist das so eine Sache – manchmal gehts, manchmal klappts nicht – und dann ists dann halt einfach so... Und weil wir nicht von der Musik leben müssen, lässt sich das so gut einrichten – es warten ja nicht tausende von Leuten auf unser neues Album.»





Interview von Lucas mit Frank Wienand, Roadtracks, September 2004

Lucas, für viele die eure Bandgeschichte nicht kennen, ist «Out for Food» eure zweite Veröffentlichung, dabei gibt’s da noch ein Album namens «Star», damals als Trio eingespielt und musikalisch wesentlich härter orientiert. Von damals noch mit dabei, Martin Graf, euer Drummer und Bassist Philip Gallati. Mit dem zweiten Album «Me» kamen dann vier neue Leute hinzu, der Sound änderte sich und mit Nadia Leonti wurde eine Frontfrau präsentiert. Also eigentlich eine völlig neue Band. Warum habt ihr den Namen behalten?
Dafür gibt’s mehrere Gründe. Zum einen passierte diese «Vergrösserung» der Band nicht auf einen Schlag. Däni und ich stiessen noch zur Urbesetzung, mit dem Ziel, den stark mit der Triobesetzung verbundenen Postrock, mit neuen Sounds etwas aufzubrechen. Sämi und Nadia kamen erst dazu, als unser alter Sänger Sandro Chiesa endgültig ausstieg. Beide lernten wir bei Castings für die neue Stimme kennen.
Auch spielten wir damals teilweise noch das Repertoire von der eigentlichen ersten Platte «Star». Der Sound veränderte sich also auch eher nach und nach.
Zum anderen war der Name «Shilf», durch die Gigs und die CD des Trios, in der Schweiz durchaus positiv besetzt. Und dann gingen auch unsere Versuche, einen neuen Namen zu finden, schief. Als wir merkten, dass sich die neue Band vom bisherigen Shilf-Sound entfernte, gabs schon eine Zeit, in der wir versuchten uns umzubenennen.
Na ja. Heute lebts sich mit Shilf eigentlich ganz gut.

War das eine bewusste Entscheidung eine Frauenstimme in den Vordergrund zu rücken?
Überhaupt nicht. Wir haben eben einfach ein paar Casting gemacht und Nadia war die erste (und einzige), bei der es auf Anhieb stimmte. Und Sie war dann eben eine Frau. Und ist es immer noch...

Philip war der Songwriter der ersten Platte, inzwischen stammen alle Songs von dir. Warum schreibt Philip keine Songs mehr und drängt sich sonst niemand als Songwriter auf?
Soviel ich weiss – ich war ja damals noch nicht dabei – haben die drei Jungs die Songs für «Star» zusammen geschrieben.
Es ist aber schon so, dass ich mich heute manchmal frage, weshalb das an mir hängen geblieben ist. Vielleicht hatte es auch ganz einfach damit zu tun, dass ich der erste war, der sich dabei langweilte, immer das selbe Material runter zu spielen. Ich habe damals einfach mal ein paar Songs mitgebracht, wir haben sie gespielt, und ich bin diesen Job seither nicht mehr los geworden.
Dabei gibt’s bei Shilf ein wirklich grosses Songwriting Potenzial. Nicht nur die «alten» Shilfs könnten das, sondern auch Sämi, Däni und Nadia. Aber Nadia und Sämi bunkern ihre Songs für ihre anderen Bandprojekte und die anderen finden entweder keine Zeit, keine Inspiration oder sind mit der jetzigen Situation so zufrieden, dass sie sich einfach ganz faul zurück lehnen... Es gibt ja auch immer noch andere schöne Dinge zu tun im Leben.

Was sind die Gedanken die hinter deinen Songs stehen und wie wichtig sind dir, als deutschsprachiger Künstler der sich in englisch ausdrückt, die Texte.
Leben, Liebe, Leidenschaft... und alles was damit zusammen hängt. Wer weiss das schon so genau... Alltag eben. Ich stehe aber schon auf diese klassischen Themen, die ja auch nie alt werden. Vielleicht sind es sogar die einzigen Dinge, über die ich Songs machen kann. Das ergibt sich allerdings auch sehr organisch. Ich brüte nicht über möglichen Themen, sondern ich schreibe einfach auf, was so kommt. Das Unmittelbare dabei ist mir das eigentlich wichtige. Texte auf eine Art und Weise zu schreiben, als ob man nur kurz mal nach draussen ginge, um noch ein Bier zu trinken. Keine Zeigefinger und keine Rezepte. Eher allgemeine Betrachtungen zur Zeit – aus natürlich einem persönlichen Blickwinkel.
Die Fremdsprache funktioniert dazu bestens. Ein wenig wie eine «Kunstsprache». Ein gewisses Mass an durchaus erwünschtem Spielraum für Interpretationen ergibt sich dabei fast von alleine...

Wie kommt Nadia eigentlich damit zurecht, das sehr persönliche «Fremdmaterial», das von dir stammt, immer mit viel Leidenschaft interpretieren zu müssen?
Ich glaube, dass Nadia da einfach sehr offen ist. Bisher, glaube ich, habe ich ihre Schmerzgrenze bei den Texten noch nicht mal gestreift. Auch ist das Material ja nicht in dem Sinne persönlich, als dass ich einfach nur meine eigenen Probleme in den Songs verarbeiten würde. Mit den meisten Texten kann sie, vermute ich mal, auch etwas anfangen. Sie würde sich sonst bestimmt melden. Und Leidenschaft hat sie von sich aus. Das ist meistens so, dass man bereits bei der zweiten Probe eines neuen Songs, schon nicht mehr von einer Interpretation sprechen kann. Dann hat der Song schon Nadias Temperatur angenommen – und ich könnte es selber auch nie wieder so bringen wie sie.

Bereits zum zweiten Mal hat «Walkabout» Chris Eckman euer Album produziert. Eigentlich kann einem nichts besseres passieren, angesichts dessen langjähriger Erfahrung. Wie lief die Zusammenarbeit mit ihm, wie groß ist sein Einfluss auf euren Sound und wie seid ihr überhaupt auf ihn gekommen?
Wir haben Chris während der Produktion von «Me» kennengelernt. Auf einen Tipp von unserem damaligen Schweizer Label hin, haben wir ihm, nach einem Walkabouts Konzert in Zürich, eine CD mit den den Rough Mixes zugesteckt. Und er sich dann gemeldet und als Produzent zugesagt. Tatsächlich ein Glücksfall. Das hat auch so gut gefunkt, dass wir für «Out for Food» nicht lange nachzudenken brauchten. Bei der neuen CD war er dann auch von Anfang an dabei, hat die Songs schon im Vorfeld gehört und hat vor dem Studioaufenthalt auch ein paar Tage mit uns im Übungsraum gearbeitet. Man kann aber nicht wirklich sagen, dass er einen grossen Einfluss auf unseren Sound auszuüben versuchte. Er liess uns eigentlich einfach so spielen, wie wirs immer tun. Er hat nur dazu geschaut, dass wir unsere Dinge klarmachen, das wir unsere Äusserungen entsprechend präzisierten. Dabei ging er sehr subtil, fast schon zurückhaltend vor. Das ist, glaube ich, auch sein Stil als Produzent. Er diktiert nicht. Er versucht den jeweiligen Sound, den Charakter der Band so zu lassen wie er ist, und bringt sich als einer ein, der zu optimieren versucht. Für uns war er genau das. Die «quasi aussenstehende» Know-how-Bündelung auf deren Inputs wir uns immer verlassen konnten. Wirklich eine äusserst angenehme und interessante Zusammenarbeit.

Wie würdest du selbst die Veränderungen von «Out for food» zum Vorgängeralbum «Me» beschreiben?
Im Gegensatz zu «Me» ist «Out for Food» offener. Es gibt nicht mehr diese klare stilistische Vorstellung wie Shilf zu tönen hat. Wir haben, meine ich, mehr zugelassen und mehr Sachen einfach so gespielt wie sie gerade kamen. Auch ohne Angst davor zu haben, dass ein Song mal ein wenig rockiger oder schneller würde. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass wir inzwischen schon richtig lange in der gleichen Besetzung spielen und auch sicherer geworden sind. Der Shilf Sound – so wie auf «Out for Food» – ist heute noch mehr einfach der, der im Übungsraum durch die Freude am Zusammenspiel entsteht.
Dazu kommt, dass wir bei der neuen CD noch mehr von Chris unterstützt wurden (der im Studio auch mal einen «First Take» stehen liess, weil er ihn einfach nur schön frisch fand), und wir unter besseren technischen Bedingungen aufnehmen konnten. Was sich zuletzt natürlich auch auf den «Sound» auswirkte.

Ausnahmen bestätigen die Regel, aber es ist nicht zu leugnen das Musik wie auch ihr sie spielt, nennen wir es mal Americana, die also durchaus ihre Wurzeln in der Countrymusik findet, eher ein älteres Publikum anspricht. Glaubst du, dass man eine gewisse persönliche Reife haben muß um die Schönheit von Countrymusik zu entdecken?
Das glaube ich grundsätzlich eigentlich nicht. Das so wenig junge Menschen diese Musik hören, ist momentan doch eher eine Auswirkung der gerade vorherrschenden Trendentwicklung. Der so genannte Alt. Country wurde ja von blutjungen Bands wie Uncle Tupelo etc. «erfunden» und hat – soviel ich weiss – dann auch eher die jüngere Generation als Hörerschaft gefunden. Und alle alten Countryrecken waren ja auch mal jung – und haben vermutlich ihre Songs (auch) für und vor junge(n) Menschen gespielt und wurden von denselben dafür geliebt.
Diese Art von Musik war und ist ja als eigentliche Volksmusik auch für alle gedacht. Wie Popmusik im übrigen auch. Nur sind zur Zeit bei den jüngeren Musikfans vielleicht andere Sounds angesagt.
Ich glaube allerdings nicht, dass sich dieser Sachverhalt in nächster Zeit gross ändern wird. Denn erstens ist dieses «Americana-Ding» irgendwie nicht gemacht, um sich bei uns im grossen Stil in den Charts niederzuschlagen. Die Frage nach dem Erfolg ist ja gerade zwingend eine, die mit «jugendlicher Musik» verbunden ist. Und zweitens laufen zu viele Styles parallel ab. Das macht das Publikum klein.
Aber die Schönheit in egal welcher Musik zu entdecken, halte ich ganz bestimmt nicht für ein Privileg des Alters.

Eure Musik transportiert eine Menge Fernweh? Ein Resultat, das euch die Alpen den Blick aufs Meer versperren.., die Schweizer dadurch ein Volk mit mehr Sehnsüchten sind?
Ich glaube Du kennst die Schweiz nicht. Der Hang nach Fernweh ist hier vermutlich so selten oder so oft vertreten wie in Holland. Und in Holland gibt’s ja bekanntlich keine Berge. Im Ernst: ich glaube nicht, dass das bei uns ausgeprägter ist als in anderen Ländern. Und das obwohl die Schweiz durchaus mal ein Auswandererland war, es eine Zeit gab, da es die Menschen irgendwie von hier fortzog.
Aber vielleicht ist es das Sehnsüchtige – das uns alle verbindet. Auch mit den Deutschen. Vielleicht empfindet man das Suchen nach Glück und Neuem – selbst wenn man immer nur im eigenen Garten gräbt – als eine Art von «Fernweh» und verbindet es dann gerne mal mit z.B. dem Sound von Slide-Guitars...

Letzten Sommer habt ihr für eine Weile die Schweiz verlassen und wart mit Jay Farrar zusammen auf Tour. Was blieb hängen an Erlebnissen von dieser Tour?
Erinnerungen an zwei wirklich nette amerikanische Jungs, an ein paar gute Gigs, ein paar komische Orte, wechselnde Hotelzimmer, Erkältungsbäder, Tankstellen, Fussballspielen auf Autobahnraststätten, stundenlanges Kilometerfressen (wir hatten ja eine lustige zickzack Tourplanung ... Nürnberg, Berlin, Reutlingen (bei Stuttgart), Wesel ...), an Riesenknödel, Currywürste und andere gesunde deutsche Leckereien...
Aber touren bringt einer Band wie uns tatsächlich viel. Es ist einfach was anderes, ob du viermal im Jahr einen Gig machst oder sieben Tage die Woche. Das bringt Routine und Selbstverständnis – und macht zudem noch Spass. Alles in allem also eine sehr erfreuliche Geschichte, und es ist ja auch geplant, das dieses Jahr zu wiederholen. Die Dates sind, sobald sie feststehen, auf unserer Website www.shilf.ch abrufbar.

Eine Frau, fünf Männer, eine Band. Funktioniert das, besonders wenn man auf Tour ist?
Wir werden vermutlich auf Tour die selben kleinen Problemchen haben wie alle andern Bands auch. Aber mit der Konstellation «eine Frau und fünf Männer» hat das nichts zu tun. Nadia ist ja sozusagen unser «sechster Mann» – und wir sind ihre Freundinnen. Völlig unkompliziert. Wir tuns dann eben entweder gemeinsam oder aber wechseln uns ab...
Im Ernst: das zickige Element, das einem das Leben auf Tour schwierig machen könnte, ist, glaube ich, dieser Band fast gänzlich fremd.

Eure Musik ist ja sehr ruhig, langsam, teilweise zeitlupenartig. Was ich mich schon immer gefragt habe... hat man nicht manchmal Lust richtig loszurocken und muß man sich vor einem Gig manchmal in die richtige Stimmung bringen um die Songs so «zelebrieren» zu können?
Das eher ruhige langsame entspricht einfach unserem Temperament. Wir mögen das. Was nicht heisst, dass wir nicht manchmal auch rocken wollen, rocken können. Die meisten Shilfs haben ja eine Rock-Vergangenheit. Und diese fliesst inzwischen – allerdings auch nur zeitlupenartig – wieder ein wenig in unsere Spielweise ein.
Allerdings ist es für uns sicher immer noch viel einfacher, in diese langsameren Tempi, in diese Stimmung hinein zu finden, als ein Set mit 120 bpm zu beginnen und das dann auch durchzuhalten. Für solche Kraftakte sind wir inzwischen vielleicht doch einfach zu alt.





Telefoninterview von Lucas mit Ullrich Maurer, Gaesteliste.de, Juli 2004

Songs zum Mitnehmen
Es mag ja nicht so sehr auf der Hand liegen – aber auch Schweizer haben ein Faible für die Weiten des amerikanischen Mittelwestens. Zumindest musikalisch. Und wenn man darüber nachdenkt, macht es ja auch Sinn: Die USA sind topographisch ja so etwas wie das Gegenstück des Alpenstaates. Insofern kam das Debüt «Me» von Shilf aus Basel – mit seiner ganz eigenen Variante des bedächtigen Alt.Country, die deutlich geprägt wird von Nadja Leontis einfühlsamen Gesang – vor zwei Jahren zwar überraschend, aber letztlich auch mit einem gewissen Selbstverständnis daher. Shilf hatten zudem das Glück, dass ihnen Chris Eckman von den Walkabouts bei der Produktion zur Hand ging und die Sache somit quasi amtlich machte. Obwohl das eher ein Zufall war, wie Songwriter Lucas Mösch einräumt.

«Also, wir hatten damals «Me» eigentlich schon fertig produziert und suchten einen Partner, um das zu finalisieren. Wir haben dann von unserem schweizer Vertrieb den Tipp bekommen, uns an Chris Eckman zu wenden. Der hat dann zunächst gesagt, er würde normalerweise nur ganze Produktionen machen und nicht bereits existierende Sachen abmischen. Er hat es sich dann aber doch anders überlegt und zugesagt. Wir hatten damals für «Me» auch noch andere Kandidaten, wenn Chris nicht so schnell reagiert hätte. Die neue Scheibe ist jetzt direkt mit Chris entstanden. Wir haben in Basel aufgenommen und in Ljubljana nur abgemischt. Das war auch bei «Me» so – das wird immer falsch geschrieben.» Was wurde denn dieses Mal anders gemacht? Das neue Werk, «Out For Food», kling im Vergleich zu «Me» sowohl runder wie auch abwechslungsreicher. «Ich glaube, wir haben ein bisschen mehr zu uns gefunden», erklärt Lucas, «wir haben auch mehr Freude am Zusammenspiel. Viele Songs und Arrangements sind erst beim Spielen entstanden – zum Teil auch erst im Studio; sind also sehr frisch. Das war bei «Me» ganz anders, da haben wir, wie auf der ersten Shilf-Sheibe, die noch als Trio ohne mich und als Post-Rock Scheibe entstand, alles sehr genau ausgearbeitet.» Post-Rock? «Ja, das war in der Schweiz ein großer Erfolg, der noch und nöcher abgefeiert wurde. Da hatten wir bei «Me» noch diese Altlast. Wir hatten diese Vorgabe mit den langsamen Tempi und dieses ein bisschen Zähe. Das kommt noch von der Shilf-Urbesetzung her. Bei «Out For Food» konnten wir das alles irgendwie ablegen. Das war ein anderes Selbstverständnis im Machen. Und ich glaube auch, dass man das hört. Es ist offener, es ist frischer und weniger festzumachen an Attributen wie «langsamste Band der Schweiz» oder so etwas.» Das erklärt auch, warum die Songs dieses Mal «fertiger» klingen als auf «Me». «Ja, das hat bestimmt damit zu tun», räumt Lucas ein, «das sind Entwicklungen. Wir haben uns weiterentwickelt – auch über's Spielen.» Es gibt ja dieses Mal auch mehr Power. War das auch eine bewusste Entscheidung? «Ich würde eher sagen, dass das auf eine sehr organische Art passiert», schränkt Lucas ein, «es ist die pure Lust am spielen. Dadurch ergibt sich, dass man einen Song auch mal rockiger spielt. Wir haben nicht zusammengesessen und haben uns überlegt, wie die neue CD klingen soll. Dreckiger, rockiger, offensiver vielleicht. Das ist ganz von alleine passiert.»

Lucas sagt immer wieder «wir» – wie ist denn die Aufgabenteilung bei Shilf? «Da ist immer so ein Kollektiv-Gedanke», verrät Lucas, «ich bin zum Beispiel in diesen Part mit dem Songschreiben reingerutscht. Es ist kein Singer-Songwriter-Projekt. Es gibt bei Shilf nicht einen Chef. Ich singe ja z.B. nicht selber, sondern das macht Nadja – wodurch meine Songs eine ganz andere Bedeutung bekommen. Es ist ein Kollektiv, wo jeder seinen Teil beträgt. Zum Beispiel ist die Arbeit unserer beiden Gitarristen bestimmt genauso wichtig. Der Sound ist für uns auch sehr wichtig.» Okay – aber warum wurde dann mit Chris Eckman zusammengearbeitet, der ja eher den Steve Albini-Ansatz verfolgt, als etwa den von Daniel Lanois (wobei jede Lanois-Produktion als solche zu erkennen ist). «Oh, das Gefühl habe ich nicht», widerspricht Lucas, «ich hatte immer das Gefühl, dass er sehr an Sounds interessiert ist. Es ging sehr oft in diese Richtung. Ich meine, wenn wir ein gutes Konzert mit brauchbarem Equipment machen, dann klingen wir fast wie auf der CD. Insofern hat uns Chris sehr gut eingefangen. Viele Sachen sind auch live im Studio eingespielt.» Das ist dann ein Missverständnis: «Sound» meint also in diesem Sinne tatsächlich das adäquate Einfangen des Vorhandenen? «Ja, genau», stimmt Lucas zu, «und dann noch was: Wir arbeiten ja quasi mit einer Überbesetzung – nun ja, Lambchop einmal ausgenommen. Wir haben ja zuweilen drei Gitarren, die alle gleichzeitig spielen. Das ist schwierig, das Ganze dann noch offen zu halten. Da kommt z.B. die Sache mit dem Sound wieder ins Spiel.» Nun gut. Lucas schreibt auch die Texte. Da er diese für Nadja Leonti schreibt: Muss er sich da verbiegen? «Nun, ich schreibe viele Songs – mehr als wir bei Shilf brauchen», überlegt Lucas, «viele fallen auch weg, weil sie nicht zu Shilf passen, da sie etwa spezielle persönliche Sichtweisen enthalten. Das, was übrig bleibt, muss schon ein wenig allgemeiner sein. Obwohl Nadja da überhaupt nicht heikel ist und am Ende auch eigene Interpretationen abliefert. Wir reden auch über die Songs und ich bin da auch nicht so ganz hart. Wenn es Dinge gäbe, die Nadia nicht singen könnte, dann würde ich sie ändern. Aber diese Situation ist noch nie aufgetreten.»

Was ist denn ein guter Song für Lucas Mösch – wonach sucht er hier? «Was für eine Frage», lacht er, «ich weiß es nicht... was mich interessiert sind, glaube ich, Volkslieder. Also in dem Sinne, dass es einfache Lieder sind, die jeder verstehen kann, die nicht zu kompliziert angelegt sind und die man mitnehmen kann im Kopf. Songs, die auf einer akustischen Gitarre geklimpert werden können. Songs die nicht ganz konform mit dem gehen, was im Radio gespielt wird. Meine Songs entstehen durch Zufall. Ich setze mich nicht hin und mache einen Text zu einem Thema – das kommt immer irgendwie morgens um drei...» Nun gut - wenn Lucas seine Songs als Folksongs betrachtet, erklärt das natürlich auch irgendwie, dass dieser Americana Sound dabei herauskommt, nicht? «Nun ja, es ist natürlich schon irgendwie so, dass wir insgesamt sehr stark davon beeinflusst sind und solche Sachen hören», stimmt Lucas zu, «obwohl ich immer sage, dass wir europäische Pop-Musik machen – denn mit den Menschen aus den USA haben wir eigentlich gar keine Beziehung – obwohl wir natürlich die amerikanische Musik sehr mögen.» Okay – kommen wir zu einem ganz anderen Thema: Warum heißt die Scheibe denn «Out For Food» und was haben die seltsamen Leute auf den Fotos, die im Booklet zu sehen sind, mit der Musik zu tun. «Der Titel der Scheibe kommt von dem Lied «Out For Food»", erklärt Lucas, «es ist irgendwo Willkür. Der Song sollte das Intro sein. Es ist irgendwie wahnsinnig schwierig, Songtexte zu erklären. Die meisten sind absichtlich interpretierbar gehalten. Es sind ja keine Statements uns Aussagen. Es sind eher Stimmungen und Farben – wie eine Instrumentierung etwa. Und was die Bilder betrifft, das sind Fotos, die ich auf eBay ersteigert habe.» Auf eBay ersteigert? «Ja, das sind Bilder, die z.B. aus Nachlässen stammen. Auf der Scheibe geht es im wesentlichen um das Reisen. Und die Fotos stammen von Leuten, die Reisen gemacht haben. Es sind alte Bilder. Aber wir sind ja auch irgendwie eine altmodische Band, die mit moderner Musik nicht viel anfangen kann. «Out For Food» hat nichts mit dem Mittagessen zu tun, sondern mit der ständigen Suche nach irgend etwas. Deswegen passen die Fotos zwar von der Ästhetik her zusammen, sind aber sehr unterschiedlich – wie die Songs. Eigene Fotos wollte ich nicht machen – und dann bleibt die Frage, wie man an gutes Bildmaterial kommt. Da war die Sache mit eBay eine gute Lösung. Das ist faszinierend. Du bekommst da Fotos von fremden Leuten aus einer anderen Zeit. Das gibt ganz seltsame Bildwelten. Man taucht so quasi in das Leben anderer Leute ein... Es hat etwas seltsam Berührendes.» Was sich ja auch wieder irgendwie auf die Musik übertragen werden kann – zum Beispiel in dem Sinne, dass Fotos wie Songs Momente festhalten, die dann niemals vergehen. Bei Bob Dylan nennt man so etwas «Suspension Of Time» – bei Shilf dann wohl «Folksongs zum Mitnehmen».